Passing-Place-Algorithmus

Der Norden von Schottland ist sehr dünn besiedelt. In Westeuropa gibt es kaum Gebiete mit weniger Einwohner pro Quadratkilometer als in den Highlands nördlich der Linie, die durch die Orte Fort Williams und Inverness läuft.

Einspurig

Damit gibt es wenig Autoverkehr, für den in weiten Teilen einspurige Straßen mit Ausweichbuchten gebaut wurden, die „Single-Track-Roads“. Es sind keine Einbahnstraßen, so dass es unvermeidlich zu Begegnungen auf den einspurigen Trassen kommt. An den Ausweichbuchten, den „Passing Places“, sind sie breit genug, um aneinander vorbeizufahren. Das funktionierte auf den Touren, wo ich mitfuhr, flüssig. An manchen Stellen, wo der Straßenabschnitt bis zum nächsten „Passing Place“ nicht einsehbar war, gab es hin und wieder schärfere Bremsmanöver, oder ein Auto musste ein paar Meter zurücksetzen. Bei jedem Passieren wird die rechte Hand kurz zum Gruß gehoben.

Aus meinen Beobachtungen habe ich folgenden Algorithmus abgeleitet, mit dem das flüssige Passieren funktioniert. Folgende Bedingungen werden vorausgesetzt:

  • Es herrscht ausreichende Sicht, um jederzeit mindestens zwei „Passing Places“ zu sehen.
  • Die sich begegnenden Autos werden nach diesem Algorithmus gesteuert.
  • Es begegnen sich zwei Autos.

Was passiert, wenn diese Bedingungen nicht vorliegen, soll später durchgespielt werden.

Begegnung

Es kommen sich also zwei Autos entgegen. Zwischen ihnen liegt ein Streckenabschnitt mit mehreren „Passing Places“. Die sind mal links oder mal rechts an den Straßenverlauf als halbes Oval asphaltiert. Sie haben genügend Fläche, um mindestens ein Auto aufzunehmen. Die beiden Autos fahren so lange aufeinander zu, bis noch exakt eine Haltebucht zwischen ihnen liegt. Damit ist entschieden, an welchem „Passing Place“ die Autos sich passieren lassen. Dasjenige Auto, das als erstes den „Passing Place“  erreicht, bleibt dort auf seiner Seite, nämlich der linken, stehen. Ob das zusätzliche Oval links oder rechts an die Straße geklebt wurde, spielt keine Rolle. Falls das erste Auto die Haltebucht auf der linken Seite hat, fährt es in sie mit einem kleinen Schlenker des Lenkrads hinein, falls die Haltebucht auf der rechten, der Fahrerseite ist, bleibt es am Straßenrand ohne Richtungsänderung stehen. Im ersten Fall folgt das zweite, spätere Auto dem Straßenverlauf, im zweiten Fall macht es einen kleinen Schlenker durch die Haltebucht am ersten Auto vorbei. Dabei reduziert es die Geschwindigkeit etwas. Im Moment des Passierens wird kurz mit der rechten Hand gegrüßt.

Bedingungen

Das ist die Ableitung aus den Beobachtungen, die ich gemacht habe. Nun sollen die Abläufe durchgespielt werden, wenn eine der Bedingungen nicht erfüllt ist. Mangels Evidenz aus eigener Anschauung sind die Folgerungen, was bei nicht erfüllten Bedingungen passiert, reine Mutmaßungen.

Die Sicht reicht nicht aus, um mehr als ein „Passing Place“ im Blick zu haben.

Diese Bedingung kann auch dann nicht erfüllt sein, wenn kein anderes Auto entgegenkommt, beispielsweise bei dichtem Nebel oder einer Anhöhe, hinter der die Straße nicht sichtbar ist. Bei Nichterfüllung dieser Bedingung bleibt die Sicht nur beherrschbar, wenn das Tempo reduziert wird. Es darf nur so hoch sein, dass innerhalb der halben Sichtweise gebremst werden kann. Die andere Hälfte der Sichtweite ist für möglicherweise entgegenkommende Wagen. Wenn die Sichtweite durch die Geländeformation begrenzt wird, gilt gleichermaßen, innerhalb der halben Sichtweite bremsen zu können. Im unübersichtlichen Gelände liegen Haltebuchten oft auf Kuppen.

Mindestens eines der Autos wird nicht nach dem „Passing-Place-Algorithmus“ gesteuert.

Diese Bedingung ist bereits dann nicht erfüllt, wenn der Algorithmus nicht von allen Beteiligten beherrscht wird. Das Nichtzutreffen dieser Bedingung ist nicht so offensichtlich wie bei der ersten bezüglich der Sichtweite. Ob ein Auto nicht nach dem Algorithmus gesteuert wird, ist nur aus Anzeichen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ableitbar. Solche Anzeichen können sein – so die Vermutung – langsameres Fahren als üblich, ein nicht britisches Nummernschild, ein Steuer auf der linken Seite in Fahrtrichtung, ein Auto mit Wohnwagen oder ein Campingmobil. Mögliche Störungen im Ablauf können sein:

  • Falsche Wahl des „Passing Place“, entweder zu früh oder zu spät. Wenn zu früh gehalten wird, lässt sich die Situation durch das zweite Auto leicht auflösen, indem es weiterfährt, bis es am ersten Auto vorbei ist. Wenn zu spät gehalten wird, muss eines der Autos so lange rückwärts fahren, bis eine Haltebucht erreicht wird.
  • Das erste Auto hält auf der falschen Seite der Straße, was besonders passiert, wenn die Haltebucht auf der rechten Fahrerseite angefügt ist. Diese Siutation wird aufgelöst, indem sich das zweite Auto flexibel verhält und abweichend von der britischen Straßenverkehrsordnung auf der rechten Seite vorbeifährt.

Es begegnen sich mehr als zwei Autos gleichzeitig.

Die „Passing Places“ haben meistens nur Platz für ein bis zwei Autos hintereinander. Daraus folgt, dass, um mehr als zwei Autos passieren zu lassen, das Auto, das einzeln aus einer Richtung kommt, in der Haltebucht so lange warten muss, bis alle Autos aus der Gegenrichtung vorbeigefahren sind. Wenn das einzelne Auto als erstes am „Passing Place“ ankommt, wartet es so lange, bis alle anderen vorbei sind. Wenn es als zweites an der Haltebucht ist, sollte das erste Auto der Kolonne in der Haltebucht warten, bis das erste Auto ebenfalls in der Haltebucht steht. Nun kann die Kolonne passieren. Wenn die Kolonne nicht am der letzmöglichen „Passing Place“ hält, muss das einzelne Auto so lange zurücksetzen, bis es passieren lassen kann.

Es begegnen sich zwei Kolonnen mit jeweils mehr als einem Auto.

Darüber wird die Zeitung berichten.

Mutmassungen

Die Mutmassungen, was nach nicht erfüllten Bedingungen für den „Passing-Place-Algorithmus“  passiert, sind abgeleitet und nicht selbst beobachtet. Ich würde mich freuen, Bestätigungen oder Falsifizierungen per Mail an passing[at]leendertse.eu oder über Twitter an @EigeneKennung zu bekommen. Gegenbeispiele aus der Realität wären zusätzlich ein Beleg für die Fähigkeit des Menschen, Chaos zu erzeugen.

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